Das Kaliberwirrwar - Waffen und Munition

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Alles zum Kaliberwirrwarr

Warum  schreibt man "Kaliber .30" mit einem Punkt vor der Zahl, dagegen  "Kaliber 12" ohne Punkt? Warum gibt es verschieden große 8  Millimeter-Kaliber? Solche Fragen bringen selbst manche Fachleute in  Verlegenheit.

Das  Kaliber-Tohuwabohu hat Geschichte. Und die beginnt etwa in der Mitte des  14. Jahrhunderts mit dem Artilleriewesen. Das Kaliber der zuerst  geschmiedeten und später gegossenen Kanonenrohre war stets  ein Zufallsprodukt. Das war nicht weiter problematisch, denn diese  frühen Bombarden, Scharfmetzen, Metzen, ganze und halbe Schlangen und  wie die Kanonen sonst noch hießen, wurden eh mit Feld- und Kieselsteinen  vollgestopft. Ab 1400 kam man dann auf die Idee, gemeißelte Steinkugeln  zu verschießen. Und von da an bekam das Kaliber eine gewisse Bedeutung.  Das Wort stammt wahrscheinlich aus dem Arabischen, wo "Khalib" soviel  bedeutet wie "Maß". Nun mußte man zu jedem  Kanonenrohr die ganz speziellen passenden Kugeln mitführen. Und das  brachte erhebliche logistische Probleme.


Der Einfall des Vikars  


Waffen in definierten Kalibern waren erst möglich, nachdem die  Geschützbauer Anfang des 16. Jahrhunderts gelernt hatten, die  Kanonenrohre zu bohren. Damit war die Zeit reif für ein Kaliber-System.  Das erfand 1554 Georg Hartmann, Vikar an der St. Sebald-Kirche in  Nürnberg. Er drückte das Rohrkaliber jeweils durch das Gewicht (in  Pfund) der Steinkugel aus, die gerade in die Bohrung paßte. Demnach  hatte etwa eine Metze ein Kaliber von 30 Pfund, eine ganze Schlange 24  und eine halbe Schlange zwölf Pfund. Und die kleinkalibrigen  Handschlangen maßen nur ein oder ein halbes Pfund.


Pfund und Pfund  


Dieses sogenannte Nürnberger Kaliber-System wurde rasch von allen  Staaten übernommen und bis Mitte des 18. Jahrhunderts beibehalten, als  die Kanonenkugeln schon längst aus Eisen und Blei ge- gossen waren.  Gewisse kleine Unterschiede gab es allerdings, weil in den einzelnen  Staaten das Pfund ein unterschiedliches Gewicht hatte. Die Engländer  übertrugen das pfundige System des deutschen Kirchenmannes auf  Glattlauf-Gewehre, doch ersetzten sie das etwas veraltete Steinzeitmaß  durch ein Pfund (= 453,6 Gramm) Hüttenblei als Bezugsgröße.  

Damit entstand das heute noch  weltweit verbreitete Kaliber-System für Schrotgewehre. Demnach ist also –  in der Kanonen-Nomenklatur – eine Flinte im Kaliber 4 ein  Viertelpfünder, weil die kaliber- große Bleikugel ein Viertelpfund  wiegt. Und beim erheblich kleineren Kaliber 12 ist das Gewicht der  kalibergleichen Kugel nur noch ein zwölftel Pfund. Das kleinste in  diesem System ist das Kaliber 36, also ein 1/36 Pfünder. Aus nicht mehr  zu klärenden  Gründen setzte sich für das kleine Kaliber 36 immer mehr die  amerikanische Bezeichnung .410 Inch durch – und das ist von Haus aus ein  Zugrohr-Ka- liber. Nebenbei: Im anglo- amerikanischen Sprachgebrauch  redet man bei Flinten und Flintenmunition nicht von "Caliber", sondern  von "Gauge" (Kürzel "ga."), was soviel wie "Eichmaß" bedeutet.


Millimeter und Inch.  


So verständlich und übersichtlich im Grunde die Kaliber-Bezeichnungen  für Glattrohr- Munition sind, so verwirrend geht es bei den  Zugrohr-Waffen zu. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Da sind zunächst die  beiden unterschiedlichen Maßsysteme. Nach dem sogenannten CGS-System  (=Centimeter/Gramm/Sekunde) erfolgt die Kaliber-Bezeichnung in  Millimetern und Dezimalen davon. Beispiele: 9 mm, 11,15 mm, 4,73 mm.  Daneben existiert das anglo-amerikanische Inch-System: ein Inch  (abgekürzt "in.", Symbol ") entspricht 25,4 Millimetern.

In  deutschsprachigen Ländern wird Inch mit "Zoll" übersetzt. Bei  Handfeuerwaffen-Munition erfolgt die Kaliber- Bezeichnung in hundertstel  (seltener in tausendstel) Inch, wobei anstelle des in Deutschland  gebräuchlichen Kommas vor den Dezimalen ein Punkt gesetzt wird. Aus  praktischen Gründen läßt man die Null ein-  fach weg. Daher redet man auch von "Punktkalibern" . Beispiel: Kaliber  .30" (= 7,62 Millimeter), das würde in der deutschen Schreibweise 0,30  Inch lauten, also handelt es sich um das Kaliber 30/100 Inch. Um das  Inch-Kaliber in das Millimeter-Kaliber zu übersetzen, braucht man nur  den Inch-Wert mit 25,4 zu multiplizieren. Demnach wären also .22" gleich  5,6 Millimeter und .50" gleich 12,7 Millimeter. Umgekehrt dividiert man  das Millimeter-Maß durch 25,4, um den  entsprechenden Wert in Inch zu erhalten.


Meßfehler inklusive


Wer  sich nun mit der Schieblehre über eine Patrone hermacht, um das  Geschoß-Kaliber zu ermitteln, stellt fest, daß der gemessene Wert häufig  von dem Kaliber (Nominal-Kaliber) abweicht, das im Bodenstempel oder  auf der  Packung genannt wird. Das liegt unter anderem daran, daß sich das  Nominal-Kaliber auf drei verschiedene Größen beziehen kann: auf Zug-,  Feld- oder Geschoß-Kaliber, wobei der Wert dann meist noch abgerundet ist (Zug-Kaliber bezeichnet  den diametralen Abstand zwischen zwei Zügen; sinngemäß gleiches gilt für  das Feld-Kaliber. Geschoß-Kaliber ist der größte Geschoß-Durchmesser).  Während bei Patronen- Munition das Geschoß-Kaliber stets größer ist als  das Feld- Kaliber, weil sonst die Felder nicht einschneiden könnten,  haben die Geschosse für Zugrohr-Vorderlader (ausgenommen Revolver) einen  etwas kleineren Durchmesser als das Feld-Kaliber.  Andernfalls könnten sie nicht geladen werden. Zwei Beispiele machen das  deutlich: Das Geschoß der Patrone 9 mm Parabellum hat einen maximalen  Durchmesser von 9,12 Millimetern, das entsprechende maximale  Feld-Kaliber ist dagegen 8,79 Millimeter; für eine Hawken Rifle Kaliber  .45" mit einem Feld-Kaliber von 11,62 Millimetern wäre ein Bleigeschoß  mit einem Durchmesser von 11,5 Millimetern gerade passend.


In der Schwarzpulver-Epoche der Patronen-Munition existierten noch keine Norm-Maße. Oft hatten die Hersteller recht unterschiedliche Vorstellungen davon, welches Zug-, Feld- oder Geschoß-Kaliber im Einzelfall das günstigste wäre. Daher differieren selbst bei einer bestimmten Patronensorte die Kaliber bisweilen ganz erheblich. Ein typisches Beispiel bietet die .38 Long Colt von 1874 mit einem tatsächlichen Geschoß-Durchmesser zwischen .36.2" (= 9,19 Millimeter) und .38.2" (= 9,7 Millimeter). Ähnlich liegen die Dinge bei anderen Patronen der 38er Kaliber-Kategorie wie etwa .38 Colt New Police, .38 Merwin R Hulbert, .39-40 WCF und .380 Short C.F. Mit anderen Worten: Die früheren Kaliber-Bezeichnungen waren eher Anhaltswerte. Als die moderne Mantelgeschoß-Munition aufkam und die Norm- Maße sich allmählich durchsetzten, änderte sich allerdings am Wirrwarr nicht viel. Lediglich die Toleranzen wurden etwas enger.



Ungenauigkeit isf Trumpf Erst in neuester Zeit bemühte man sich, die Kaliber-Bezeichnung neuer Patronen auf ein tatsächlich vorhandenes Maß abzustellen. So hat das Mantelgeschoß der .357 Magnum einen Durchmesser von .357" (= 9,07 Millimeter), und auch bei der .257 Weatherby Magnum basiert die Kaliber-Bezeichnung exakt auf dem Geschoß-Kaliber (.257" = 6,53 Millimeter). Die Kaliber-Bezeichnung anderer moderner Patronen entspricht dem minimalen Feld- oder dem minimalen Zug-Kaliber oder beiden. Ein typisches Beipiel ist die Patrone .308 Winchester oder 7.62 mm x 51 Nato: minimales Zug-Kaliber .308" (= 7,82 Millimeter), minimales Feld-Kaliber .300" (= 7,62 Millimeter). Die Zahl 51 gibt übrigens die Länge der Hülse in Millimetern an, um diese Patrone von anderen 7,62er Laborierungen zu unterscheiden.

Doch die Fälle, in denen die Kaliber exakt bezeichnet sind, kommen selbst bei den modernen Patronen nicht allzu häufig vor. Meist ist die Angabe abgekürzt oder aus kosmetischen Gründen verlängert. Beispielsweise haben die meisten 7-mm-Patronen ein tatsächliches Geschoß-Kaliber von .284" (= 7,21 Millimeter), während das aktuelle Geschoß-Kaliber der meisten Kaliber.22"-Patronen – wie etwa .22 Hornet, .221 Fireball, .222 Remington, .223 Remington, .224 Weatherby Magnum, .225 Winchester – in Wahrheit .224" (= 5,69 Millimeter) beträgt.


Munitions-Potpourri

Wieso lassen sich eigentlich Patronen .38 Special und 9 mm Luger beispielsweise aus einem Revolver .357 Magnum verschießen? Das liegt an den fast identischen Abmessungen des Normalkalibers: Das maximale Geschoß-Kaliber der Munition .357 Magnum liegt bei 9,12 Millimetern, bei der .38 SPL sind es 9,14 Millimeter, und beide haben ein minimales Feld-/Zug-Kaliber von 8,79/9,04 Millimetern. Die 9 mm Luger weicht mit einem maximalen Geschoß-Durchmesser von 9,03 Millimetern und einem minimalen Feld-/ Zug-Kaliber von 8,82/9,02 Millimetern zwar etwas ab, doch liegt sie theoretisch immer noch im Kaliberbereich der beiden anderen Patronen. Soweit es sich bei der .38 SPL um Laborierungen mit Mantel- Geschoß handelt, bringt das Verschießen aus einer 357er Trommel keine technischen Probleme, sieht man von längerem Freiflug und vom Ausbrennen des Patronenlagers ab.

Die relativ kurze Patrone 9 mm Luger dagegen hat im 357er Lauf in der Regel stets Gaschlupf mit allen Konsequenzen. Patronen .38 SPL mit Bleigeschoß bringen überdies aus einem.357-Rohr keine optimale Leistung, weil die üblicherweise für Mantel-Geschosse konzipierte Feldhöhe zu gering ist. Daher ist es auch unsinnig, etwa aus einer Pistole 9 mm Luger Bleigeschosse zu verschießen. Die Feldhöhe ist für eine sichere Führung viel zu gering – die Geschosse rutschen mehr oder weniger unkontrolliert durch den Lauf.

Oft werden selbst in der seriösen Literatur die Begriffe "Kaliber", "Patrone" und "Laborierung" durcheinander gebracht. Den Neuling verwirrt das noch mehr. Also: "Kaliber" bezieht sich stets nur auf die nominale Größe des Geschoßdurchmessers (Beispiele: .38" (.380"), .30 (.300"), .22 (9 mm, 8 mm S). Mit Zusätzen zur Kaliber-Bezeichnung dagegen wird stets eine bestimmte Patrone oder Laborierung beschrieben. Dabei ist die "Patrone" die Kombination eines bestimmten Kalibers mit einer Patronenhülse bestimmter Geometrie (Beispiele: 9 mm Luger, .357 Magnum, .460 Weatherby Magnum). Es gibt demnach kein Kaliber .38 Special, sondern eben nur das Kaliber .38" und die Patrone .38 Special.

Die kontinental-europäischen Büchsenpatronen werden üblicherweise durch die Angabe von Kaliber und Hülsenlänge und unter Umständen weiterer spezieller Hinweise charakterisiert (Beispiele: 5.6 x 57; 7 x 66 vom Hofe S.E.). Anders die amerikanischen Bezeichnungen für Kurzwaffen- und Büchsenpatronen: Neben der Kaliber-Bezeichnung (neuerdings bisweilen auch in Milimetern) enthalten sie meist Wortzusätze, die auf Hersteller, Erfinder, passende Waffen oder ähnliches hinweisen oder bloße Phantasie-Namen darstellen (Beispiele: .308 Winchester, 7 mm Remington Magnum, .22 Hornet, .45 Long Colt). Einige Patronen-Bezeichnungen enthalten außerdem noch das Modell- Jahr wie beispielsweise die ".30" Government 1906" (übliche Kurzform: .30-06 Springfield). Neuerdings ist es üblich, in die Patronen-Bezeichnung die Basishülse aufzunehmen, aus der die betreffende Patrone entwickelt wurde. So ist die .25-06 Remington aus der .30-06 hervorgegangen, die 7-mm-08 Remington aus der .308 Winchester und die .22-250 Remington aus der .250-3000 Savage. Die Savage hat einen ganz unüblichen Zusatz: 3000 ist ein Werbegag und bezieht sich auf die Anfangsgeschwindigkeit in "feet per second".


Kostenlose Daten

Frühe US-Patronen aus der Periode von 1875 bis 1900 haben normalerweise ein aus zwei oder drei Zahlen bestehendes Kennzeichen. Dabei handelt es sich um Laborierungsangaben. Demnach bedeutet etwa ".45-100-550 Sharps", daß diese Patrone mit 100 Grains Schwarzpulver und einem 550 Grains schweren Geschoß-Kaliber .45" laboriert ist. Der Western-Klassiker .44-40 Winchester hieß ursprünglich ".44-40-200 Winchester Center Fire", also: 200 Grains Blei vor 40 Grains Schwarzpulver. Bei den ersten Patronen mit rauchschwachem Pulver wurde das Geschoßgewicht fortgelassen (Beispiele: .30-40 Krag, .30-30 Winchester); später gab man dann die Laborierungshinweise ganz auf.

Ganz anders ist es bei den klassischen englischen Großwild-Patronen. Die vier dicksten (für doppelläufige Glattrohr-Waffen) wurden nach der Pfund-Nomenklatur bezeichnet: 4-, 8-, 10- und 12 -Bore (=Kaliber). Für den Viertel-Pfünder gab es nur eine Patrone und eine Laborierung: 4 Unzen Schwarzpulver (= 113,4 Gramm) erteilten dem 1.881 Grains (= 121,9 Gramm) schweren Bleibatzen (Länge 27,2 Millimeter) eine Anfangsenergie von etwas mehr als 10 Kilo-Joule (kJ). Die Kaliber der Patronen für Zugfernrohr-Waffen werden wie in England üblich in tausendstel Inch angegeben (wie etwa .450"). Zur Charakterisierung der betreffenden Patrone sind dem Kaliber noch spezielle Angaben zur Art des Treibmittels, zur Waffe und häufig auch zur Hülsenlänge beigefügt (Beispiel: .450 Nitro Express 3-1/4"). Anders als in den USA nennt man in England bei Büchsenpatronen mit umgeformter Hülse erst das Kaliber der Basishülse und dann das der neuen Hülse (Beispiel: .500/.450 Magnum Nitro Express 3-1/2").


Bäumchen wechsel dich

In einigen Kalibern ist es möglich, aus einer Waffe verschiedene Patronensorten zu verschießen. So etwa aus einer für die Patrone .22 LR eingerichteten Waffe auch die .22 Long und die .22 Short, ja sogar die 6 mm Flobert. Und aus einem Revolver Kaliber .357 Magnum lassen sich die Patronen .38 Special und (mit einer anderen Trommel oder mit Halteclips) sogar die randlosen Pistolen- patronen 9 mm Parabellum verfeuern. Das ist zweifellos praktisch, manchmal auch preiswert und in Ausnahme- fällen vertretbar, im Prinzip aber absurd. Denn welchen Sinn soll ein 357er haben, wenn daraus völlig andere (und preiswerte) Munitionen verschossen werden? Das ist nicht anders, wie wenn jemand mit seinem Lamborghini überwiegend nur 80 km/h fährt. Davon abgesehen, laßt die Original-Munition stets bessere Resultate erwarten. Dies schon deshalb, weil die kürzeren Patronen im 357er einen längeren rotationslosen Geschoßweg haben. Bei den Kaliber .22-Patronen ist das nicht anders, nur wird obendrein bei häufiger Verwendung der Kurzpatronen das Patronenlager vor dem Hülsenmund ausgebrannt mit der Folge, daß die .22 LR-Hülsen aufgebaucht werden und früher oder später "klebenbleiben".

Kaliber und Patronensorte moderner Zivil-Munitionen werden stets durch die Prägung auf dem Hülsenboden, den sogenannten Bodenstempel, ausgewiesen. Insofern bestehen keine Identifikationsprobleme. Die Labozierungs-Charakteristik ist der Einzelpatrone nicht anzusehen. Sie erfolgt lediglich auf der Verpackung. Doch meist enthält diese sogenannte Box-Label lediglich die Bezeichnung des Geschoß- Typs und -Gewichts. Nur wenige Hersteller geben auch die laborierte Treibmittel-Menge und -Sorte sowie Art und Typ der Anzündeinrichtung an. Daher sollte man von losen und nicht eindeutig identifi zierten Laborierungen auf jeden Fall die Finger lassen und sie schon gar nicht verschießen.

Aus Militärbeständen kommt hin und wieder Munition auf den zivilen Markt, die sogenannte Surplus-Munition. Diese Überschuß-Munition ist nach Standards für bestimmte Waffensysteme laboriert. Daher kann sie im Einzelfall ungeeignet sein. Das gilt besonders für die Patrone 9 mm Luger, die sich erfahrungsgemäß für die eine Pistole als zu stark, für die andere als zu schwach erweist. Um das herauszufinden, hilft nur Probieren.


Quelle: Visier
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